Ansichten zu den Zyklen Atopisches Tribunal und Jenzeitigen Lande (Teil 2)

Der Zyklus steuerte nun langsam aber stetig Band 2800 entgegen. Nach etwa 80 Romanen stand der Leser vor einem Berg an Puzzle-Teilen und kaum ein Teil wollte zum anderen passen. Es ergab sich einfach kein Bild. Die Ziele, die von der Handlung verfolgt wurden, blieben im Dunkeln. Jetzt, beim Schreiben dieses Rückblicks wird mir deutlich vor Augen geführt, wie langfristig manche Entwicklungen der Autoren angelegt waren. Ich sehe nun Zusammenhänge, die ich vorher nicht gesehen habe. Der Plan der Autoren ist erkennbar. Leider zeigten sich beim Lesen nicht wenige Elemente einfach zu langatmig. Sie waren keinesfalls zu komplex und der Raum für Sinndeutungen war ebenfalls da, er wurde nur nicht genutzt. Die Auslegung dessen, was zu lesen war, geriet immer schwieriger. Der Ideenreichtum, den die Autoren in den Romanen zeigten, war überbordend. Es ist phänomenal, was nach tausenden von Geschichten hier noch erdacht und ausgedacht wurde. Nur wurde eine stetige Fortentwicklung in überschaubaren zeitlichen Abständen vernachlässigt. Ich meine mich zu entsinnen, dass Christian Montillon einmal erwähnte, dass er sich auf die TV-Serie „The Flash“ freue. Ich habe sie gesehen. Die erste Staffel ist für mich ein Paradebeispiel dafür wie man pro Folge kontinuierlich ein wichtiges Handlungselement fortentwickelt. In der ersten Staffel wird immer ein bisschen mehr über den Charakter des Dr. Harrison Wells verraten. Nach und nach bis zum Showdown werden immer neue Details über Wells enthüllt. Anfangs hatte der Zuschauer einen Wissensvorsprung vor den Figuren um Wells. Dann wurde bei diesen das Misstrauen gesät. In der PR-Serie, nicht speziell für diese Zyklen fehlt es nicht selten an kontinuierlichen Fortschritten. Am Anfang steht meist ein Hingucker, ein Ereignis, eine Figur, die Aufmerksamkeit erregt. Häufig mit einem Paukenschlag. Und dann, dann passiert nichts. Lange Zeit nichts. Es vergeht so viel Zeit, dass das wenige, was bekannt ist, immer und immer wieder durchgekaut werden muss.

Zurück zum Rückblick. Nach Atlans Rückkehr geriet die Larenebene nicht unbedingt besser. Der Handlungsort zeigte die Auswirkungen des Tribunals und die Elemente Atopischer Macht. Leider wurden diese dann nicht anders betrachtet als in der Milchstraßenebene.  Der Schwarze Bacctou kommt an Bord der RAS TSCHUBAI und entwickelt sich zu einem Doppelgänger Perry Rhodans. Pseudo-Rhodan besetzt ein bekanntes SF-Thema, das aber immer wieder faszinieren kann. Mit welchen Methoden können langjährige Freunde getäuscht werden, wie verhalten sie sich, wenn der Doppelgänger auftritt? Wie kommen sie ihm auf die Schliche? Nun letzter Punkt war nicht das Problem. Von Anfang an wussten die Protagonisten, dass da ein Doppelgänger an Bord war. Stattdessen schienen sich die Autoren damit übertrumpfen zu wollen, wie ungeschickt man alle anderen Figuren handeln lassen kann, damit Pseudo-Rhodan seine Ziele, welche auch immer das sein sollten, erreichen kann. Die damaligen Schilderungen waren albern und ließen Schlimmes befürchten. Mein Eindruck war, dass die Autoren mit der Idee der Expokraten, eine Wesensart zu schildern, die an anderen Kulturen, Zivilisationen oder Biosphären partizipiert, nicht viel anfangen konnten. Anfangen konnte ich auch nichts mit den Motiven, mit denen die Richterin Saeqaer den Doppelgänger einsetzte. Ein Leitbild Rhodan, mit verbesserten Reflexen, Muskeln und verdichteten Skelet etc. und wahrscheinlich immer einem Lächeln im Gesicht, wenn er 500 Jahre lang kleinen Kindern im Galaktikum über dem Kopf streicheln darf. Das Thema hielt ich dann für beendet. Wie zum Trotz wird das Bacctourat aber in 2850 und noch ein paar Hefte später wiederbelebt. Vandemaan und Montillon erheben das Späte Bacctourat in den Stand einer Trivianen Macht.

In der Milchstraßenebene werden die Vorbereitungen vollzogen, den Zyklus über Band 2800 hinaus fortzusetzen. Artefakte auf Olymp werden entdeckt, die zeigen, dass Laren in ferner Vergangenheit in der Milchstraße zugegen waren. Im Arkonsystem wird aufgeräumt, der Zugang zur Synchronie geschaffen. Andere Romane auf Terra und anderswo dienten eher dem Aufräumen als dem Fortschritt. Und noch etwas geschieht. Gucky, der zu Beginn des Zyklus seine Fähigkeiten verloren hatte, wird wieder auf den alten Stand gebracht. Das bedaure ich sehr. Es war nämlich bemerkenswert zu lesen, wie sich das Autorenteam Gedanken zur neuen Rolle dieser Figur gemacht hatte. Den Ilt zeichneten in der Vergangenheit im Wesentlichen zwei Seiten aus. Die Figur wurde beinahe schon als omnipotent beschrieben. Die ins extreme ausufernden Psi-Fähigkeiten des Ilts fanden in beängstigender Weise ihren Niederschlag in den Titeln, mit denen die Figur versehen wurde. Der selbsternannte Retter des Universums ist dabei eher der zweiten Seite des Ilts, der klamaukigen Seite zuzuordnen. Den öfters verwendeten Begriff des Überall-Zugleich-Töters habe ich stets als eine große Dummheit und als eine „Jugendsünde“ der Serie wahrgenommen. Leider eine Dummheit, die bis in die Gegenwart reichte. Von daher war der neue Gucky ein toller Einfall und es gelang den Autoren in der Folge eine gelungene Darstellung des Mausbibers mit seinen begrenzten Fähigkeiten. Leider wurde nun entschieden, den Schritt zu einer glaubwürdigen Darstellung der Figur wieder rückgängig zu machen. Das alte verstaubte, überflüssige Figurenbild des Ilt, der Überall-Zugleich-Töter und der klamaukige Ilt wurden ohne Not wiederbelebt.

Die letzten vier Hefte des Zyklus wurden schließlich Projekt Ultima Margo gewidmet, dem ersten großen gemeinsamen Plan Rhodans und Co., den Usurpatoren in die Suppe zu spucken. Ein Richterschiff wurde erobert. Dabei bedienten sich die Protagonisten eines höchst fragwürdigen Vorgehens. So fragwürdig, dass die Exposé-Autoren im Forum die Wogen glätten mussten.

Band 2800 brachte die Tiuphoren, den Zeitriss und die Aufspaltung der Handlungsebene in Vergangenheit mit Rhodan, Zukunft mit Atlan und Gegenwart mit vielen anderen Figuren. Der Jubiläumsband brachte auch für mich ein Novum. Ich schrieb gleich 2 Rezensionen zu Michelle Sterns Roman. Damals gratulierte ich zum gelungenen ersten Auftreten der Tiuphoren. Ich konnte ja nicht ahnen … !

Apropos Zeitriss. Avestry-Pasik sorgt dafür, dass das Richterschiff in der Synchronie strandet. Wie er es anstellt, eine bestimmte Zeit in der Vergangenheit der Milchstraße zu erreichen, bleibt m.E. bis Zyklusende unklar. Auch über das Entstehen des Zeitrisses kann nur spekuliert werden. Von Beginn des Zyklus an, wird ein launenhafter Umgang mit den Auswirkungen einer Zeitreise gepflegt. Nach und nach werden sämtliche bekannten möglichen und unmöglichen Auswirkungen einer solchen Reise in die Geschichten eingebracht und noch weitere erfunden. Anfangs hoffte ich noch auf eine schnelle Auflösung, um den Durchblick nicht zu verlieren. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht.

Die RAS TSCHUBAI war in der Vergangenheit gestrandet und Atlan musste den Flug in die Jenzeitigen Lande alleine antreten. Nur 500 Besatzungsmitglieder des Riesenraumschiffs wechselten in das Richterschiff. Die Hefte nach 2800 werden von den Tiuphoren und Erkundungen der Terraner beherrscht. Die Handlungsorte waren bis auf das Solsystem handlungshistorisch bedeutungslos. Die Tiuphorenthematik führte schnell zu einer Sättigung. Anfangs konnten einzelne Autoren mit ihren Geschichten das Interesse noch hoch halten. Aber auch für das Imperium der Empörer blieb eine stetige Fortentwicklung aus. Diese finden problemlos durch den Zeitriss neue Weidegründe in der Milchstraße der Gegenwart. Auch hier kann die Gesamtthematik nicht mehr beeindrucken. Gute Einzelromane mit durchdachten Nebenhandlungen konnten aber überzeugen.

Mit dem Boten des Atopen bringt Wim Vandemaan wieder etwas kosmisches Flair zurück, auch wenn die Aussagen Matan Addarus Widersprüche enthielten. Der Viererblock um die Falsche Welt brachte endlich Romane, die vollends überzeugen konnten. Der als abgeschlossen angekündigte Alternativweltenblock wird später jedoch zumindest in Teilen wieder bemüht, als es darum ging, die Zeitlinie des Atopischen Tribunals zu bewahren.

In der Vergangenheit werden inzwischen Zusammenhänge aufgezeigt. Medusa, Rayonen/Onryonen und Laren werden mit der Gegenwart in Verbindung gebracht. Das war gut und die entstehenden Dunkelwelten spannten den Bogen zu Band 2700. Mit Band 2820 wird nun auch die Thematik aufgegriffen, die dem Zyklus den Namen gab. Es geht an Bord der ATLANC, die inzwischen 700 Jahre unterwegs ist, auf ihren Flug in die Jenzeitigen Lande. Die Romane von Stern, Herren, Thurner und Lukas hinterließen bleibende Eindrücke. Nicht nur dass die Handlung überraschen konnte, jeder Einzelroman bot phantastische Szenarien und Ideen.

In der Milchstraße spielten nun endlich die vor 2700 propagierten Dunkelwelten eine größere Rolle. Der KRUSENSTERN kam dabei die entscheidende Rolle zu. Fast alle Romane zu diesem Schiff und seiner Besatzung konnten überzeugen. Die Entdeckung Medusas geriet fast in den Hintergrund, als Viccor Bughassidow dort die RAS TSCHUBAI entdeckt. Das war ein gelungener Coup der Exposé-Autoren, denn hier durfte nun kräftig spekuliert werden, wie das Schiff dorthin gelangt ist.

In der Synchronie kamen nun Romane, die Atlans Abenteuer auf Andrabasch beschrieben. Boten die ersten vier Romane von Atlans Reise eine Fülle an Überraschungen und Ideen, sorgte der Fußmarsch des Arkoniden auf der Ringwelt schnell für Langeweile in Bezug auf den Zyklusfortschritt. In 2831 folgte ohne Zweifel einer der Höhepunkte des Zyklus. Der kosmologische Überbau der Serie wurde neu gedeutet. Das vorgestellte Kosmologie-Modell scheint nicht so starr zu sein, wie das alte Zwiebelschalenmodell, das vor 40 Jahren eingeführt wurde und für manche Elemente der Serie keinen Rahmen mehr zu bilden schien. Indem man dem Leben ermöglicht, alle Wandlungen zu vollziehen und nicht mehr von starren Evolutionsstufen spricht, wird genug Raum für die nächsten 40 Jahre geschaffen.

Die Handlung führt erneut nach Larhatoon. Diesmal in der Vergangenheit und erneut werden die Figuren mit den Problematiken von Zeitreisen konfrontiert. Wieder gehen die einzelnen Geschichten sehr unterschiedlich mit diesem Thema um. Eine Linie zu Auswirkungen von Zeitreisen ist nicht mehr erkennbar. Eine Konsistenz wird zugunsten der Dramaturgie geopfert. In 2836 wird die Larenebene abgeschlossen.

In der Milchstraßenebene geht hingegen die Zeitproblematik ins Eingemachte. Dys-chrone Drift wird das Kind jetzt genannt. Ändern tut sich dadurch allerdings nichts. Die Tiuphoren wüten und die Galaktiker versuchen die RAS TSCHUBAI zu bergen. Abwechslung versprach der Sprung zu Atlan, der das Sturmland betrat. Seine Erlebnisse dort schienen zeitweise die Grenzen des Genres Science Fiction zu durchbrechen. In meiner Rezension schrieb ich, dass mich manche Textpassagen eher an religiöse Texte erinnerten.

Bei Rhodans Dilatationsflug in die Gegenwart trifft man die Rückkehrer aus der falschen Welt und wird eingefroren. Nebenbei wird Chuvs Vergangenheit enthüllt. Zu diesem Zeitpunkt des Zyklus waren Zusammenhänge weiter nicht zu erkennen und auch keine Bemühungen, solche herzustellen. Meine Rezensionen kurz vor 2850 wurden immer sarkastischer. Zum Roman 2850 bemerkte ich dann, dass der Roman den Auftakt bildet, die Puzzlestücke der letzten 150 Romane endlich zu einem Bild zu formen. Rückblickend war das mitnichten so. Kaum etwas wurde zusammengeführt.

Trotzdem konnten mich die Folgeromane aufgrund des phantastischen Settings beeindrucken. Oliver Fröhlichs Ausflug nach Babylon und die Geschichte des letzten Menschen zählen für mich zu den Highlights in dieser Zyklusphase. In der Milchstraßenebene lahmte die Zyklusstory. Aber die Team-Autoren konnten mit tollen Nebenhandlungen überzeugen. Hauptdarsteller Perry Rhodan verliert nach dem Auftauen aus dem Hyperfrost immer mehr an Bedeutung. Der Titelheld kann nur noch wenige Akzente setzen. Folgerichtig müssen Nebenfiguren die Kastanien aus dem Feuer holen. Attilar Leccore entwickelt sich zur Wunderwaffe. Ich bin gespannt, ob der Gestaltwandler die Tiuphoren nach Orpleyd begleitet.

Es erfolgt ein erneuter Atlan-Block, der alleine mit der Ankündigung der Romantitel für Aufmerksamkeit sorgte. Die Finale Stadt im Unten, Oben, Hof und Turm waren die Stationen von Atlans Reise. Mein Fazit zu Unten war: Es geht nach Oben! Michael Marcus Thurner, Michelle Stern und Oliver Fröhlich schaffen in den ersten drei Romanen eine atmosphärisch dichte Geschichte. Das Finale im Turm fiel dagegen ab. Der Zyklus war nun auf der Zielgeraden, auch wenn in den beiden großen Handlungsschauplätzen davon kaum etwas zu bemerken war. In 2869 endlich werden die ersten Schleier gelüftet. Die Team-Autoren nahmen die Zyklushauptstory immerhin mit Humor und hielten mit ihrer Meinung in Form von kleinen versteckten oder auch offenen Hinweisen in ihren Geschichten nicht hinterm Berg.

Ein Heft vor dem Zyklusfinale ist Perry Rhodan nur noch Statist. Und opfert sich, das tun nun mal Helden, im letzten Band des Zyklus. Hier erfolgt auch nun die Auflösung. Ich hätte gerne an dieser Stelle noch etwas über diese Auflösung geschrieben. In meiner Rezension bin ich zu Heft 2874 auch recht kurz gewesen. Ich hoffte, ein paar Tage später, mit diesem Rückblick, die Dinge besser sortieren zu können, sie besser verstehen zu können. Allein, es gelingt mir nicht. Vielleicht sollte ich mich auch nicht weiter bemühen. Zu Band 2874 vermerkte ich, dass das „Ergebnis“ von einer Art sei, die es überflüssig machen könnte, weiter darüber zu sinnieren. Denn das Universum wird schlicht geteilt. Das Universum unserer Helden wird ohne Thez und ohne Atopisches Tribunal fortgesetzt. Diese Bestandteile werden für zukünftige Zyklen keine Rollen spielen. Dann muss man sich auch keine Gedanken mehr zu offenen Fragestellungen machen.

Inzwischen liegt Heft 2875 neben meiner Tastatur. Das Abenteuer geht weiter!

 

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