Interview mit Kai Hirdt zu Perry Rhodan Jupiter

In meinen Rezensionen zu den Romanen der Jupiter-Serie hatte ich zuletzt die eine oder andere Frage formuliert und Kai Hirdt bot an, mir darauf Antworten zu geben, die ich in meinem Blog veröffentlichen darf.

 

Uwe Bätz: Worin unterscheidet sich die Heftromanserie in ihrem dramaturgischen Aufbau von der alten Veröffentlichung als dickes Taschenbuch (Ziegel)?

Kai Hirdt: Es gibt gar keine riesigen Unterschiede: Jupiter ist immer noch Jupiter. Im Wesentlichen haben wir einen weiteren Handlungsstrang ergänzt, sodass wir in mehreren Heftromanen zwischen zwei Handlungsebenen hin- und herblenden. Aber unser Ziel war nicht, die Dramaturgie grundlegend zu verändern. Ein paar Verbesserungen wollten wir einführen, wo die erste Fassung noch Aufwärtspotenzial hatte.

 

Uwe Bätz: Lt. News auf der PR-Homepage vom 12.05.2106 ist die Basis für die ergänzende Handlung erneut ein Exposé von Wim Vandemaan. Warum wurde ein vierter Handlungsstrang gemacht?

Kai Hirdt: Das hatte zwei technische und einen inhaltlichen Grund. „Technisch 1“ ist simpel und formal: Das Format Miniserie bei PERRY RHODAN hat nun mal zwölf Hefte, und wir mussten auf die richtige Länge kommen.

Das hätte man nun gerade noch über Bord werfen können, um zu sagen „Diese Serie hat aber nur zehn Hefte.“ Da kommt aber Grund „Technisch 2“ ins Spiel: Die Handlungsabschnitte des Buches haben nicht alle Heftromanlänge. Das geht direkt am Anfang los: Der Prolog hat etwa 60.000 Zeichen, also rund ein Drittel Heft. Der erste Haupthandlungsabschnitt hat dann zwar etwa die richtige Länge für ein Heft, aber wenn er hinter den Prolog gesetzt wird, muss das letzte Drittel ins nächste Heft. Das sind halt keine sinnvollen Abschnitte. Schließlich soll die Hefthandlung nicht irgendwann beliebig abgebrochen werden, sondern jedes Heft soll sich als geschlossene Einheit anfühlen. Es war also klar, dass wir an manchen Stellen kürzen mussten, an manchen aber auch neue Texte einbauen, damit die Hefte sich wirklich wie Hefte und nicht wie Textauszüge lesen.

Der wesentliche inhaltliche Grund ist, dass wir dadurch die Möglichkeit hatten, einige Ungereimtheiten des Taschenbuchs zu erklären. Darin ist die Informationsvergabe an mehreren Stellen etwas abrupt, oder es wurden Dinge gar nicht erklärt, die ich als Leser gerne besser verstanden hätte. Ich konnte den Text so gestalten, dass Chayton Rhodan nach und nach all diesen Dingen begegnet und all diese Informationen erhält, sodass sich für den Leser zugleich die drei schon bestehenden Handlungsstränge runder und stimmiger anfühlen.

 

Uwe Bätz: Und wie kam es zu Chayton Rhodan? Hat Euch PR 1177 Der Junge von Case Mountain inspiriert, mal wieder was zum Privatumfeld Perry Rhodans zu schreiben?

Kai Hirdt: Das ist eigentlich eine Frage für Wim Vandemaan. Von ihm stammt das Exposé zu Band 1, die Familiengeschichte der Rhodans in Manchester mit dem verschwundenen Chayton. Wo er die Ideen dazu hergenommen hat, weiß ich gar nicht.

Mein Beitrag war, Chayton zu einer wirklichen Hauptfigur zu entwickeln. Nach dem ursprünglichem Konzept sollte der neue Handlungsstrang die Suche nach Chayton sein. Aber wenn wir schon einen neuen Rhodan in die Handlung einführen, dann sollte der auch agieren, fand ich. Entsprechend haben wir diesen ersten Plan dann gründlich verändert.

 

Uwe Bätz: Die ursprüngliche Geschichte bleibt in ihren Resultaten unangetastet. Chayton kann also nichts bewirken. Ist mein Eindruck falsch, bzw. welche Rolle hast Du für Chayton in der Serie vorgesehen?

Kai Hirdt: Das stimmt nur zum Teil. Bestimmte Dinge, die ich bei einem anderen Projekt wahrscheinlich geschrieben hätte, gingen bei Jupiter tatsächlich nicht. Beispielsweise hätte Chayton es wahrscheinlich geschafft, die Triebwerke der Station in Gang zu setzen. Aber wegen des bestehenden Bull-Handlungsstrangs musste die Faktorei halt an Ort und Stelle bleiben.

Dennoch: Im Vergleich zum Taschenbuch bewirkt Chayton eine ganze Menge. Er warnt Team Mondra vor einer Falle, er bewirkt Paos überstürzten Aufbruch zum Jupiterkern, er macht die Positronik MERLIN und die Dragoman-Roboter handlungsfähig, er stellt die Waffe her, mit der Mondra am Ende DANAE besiegt.

All diese Handlungselemente gibt es zwar auch im Taschenbuch; aber sie wirken dort alle ein wenig „aus dem Hut gezaubert“, wie unser geschätzter Chefredakteur das manchmal nennt. In der Heftserie sind sie durch Chaytons Wirken vernünftig motiviert. Zudem erhält Chayton als einziger Handlungsträger die Informationen, was die Syndikatsleute mit Jupiters Verwandlung überhaupt erreichen wollen. Damit erfüllt er eine wichtige dramaturgische Funktion, indem der Leser noch ein paar hochrelevante Dinge erfährt.

Abgesehen davon ist der Handlungsstrang autark und enthält einige Wendungen, die keine Auswirkungen auf die anderen drei Hauptthemen haben. Das ist genauso wie bei dem ursprünglichen Text; in der Mitte der Handlungsstränge schlägt jeder Protagonist sich mit seinen eigenen Sorgen herum, um bei einem Ziel anzukommen, das dann wiederum für die Gesamthandlung wichtig ist.

 

Uwe Bätz: Chayton wird durch Pao Ghyss Tau-acht-süchtig und die Droge führt bei ihm zu Empathieverlust. Dennoch will er sich rächen und trägt am Ende dazu bei, dass die Bewohner MERLINS gerettet werden.  Ist jemand, der aller Empathie beraubt wurde, fähig, solche Pläne zu verfolgen?

Kai Hirdt: Mangelnde Empathie bedeutet ja nicht, zwanghaft böse zu handeln. Es heißt nur, den Unterschied zwischen Gut und Böse nicht zu begreifen. Die Frage, wie Chayton damit umgehen würde, fand ich ungemein spannend. Deshalb ist sein ganzer Handlungsstrang als Entwicklungsgeschichte angelegt.

Er beginnt wie von dir beschrieben als das empathielose Drogenopfer, das nur noch selbstsüchtige Regungen kennt: Selbstmitleid, Gier und Rachsucht. Allein die äußere Konstellation bringt ihn auf die Seite der Guten: Er will sich an den Bösen rächen, die ihm übel mitgespielt haben. Und als Verwandter des großen Perry fühlt er sich durchaus wohl dabei, bei den Guten mitzumachen. Das passt zu seinem vom Größenwahn geprägten Selbstbild.

Dann erkennt er schnell, dass dieses Gut-und-Böse-Ding wohl doch etwas komplexer ist. Als er Pao belauscht, hört er Dinge, die ihn auf intellektueller Ebene zweifeln lassen, ob sein Racheimpuls berechtigt ist. Seine erste Entscheidung auf diesem Weg ist deshalb gar nicht „Gut oder Böse“, sondern die zwischen zwei Drogenwirkungen: Rachsucht oder Größenwahn? Er entscheidet sich, sein Selbstbild als vom Schicksal auserwählter Held zu erhalten. Und damit beginnt das eigentliche Dilemma von Chayton Rhodan während der ganzen Serie: Er beschließt auf rationaler Ebene gut zu handeln, hat aber kein Gefühl mehr dafür, was „Gut“ eigentlich bedeutet.

Das Gespräch mit Porcius beim ersten Zusammentreffen führt ihn weiter in diese Richtung. Porcius sagt leichthin „Es ist nie eine gute Sache, jemanden umzubringen.“ Klingt einfach, ist aber für einen Menschen ohne Empathie alles andere als selbstverständlich. Damit beginnt seine Suche nach Regeln, wie man eigentlich gut handelt. Das ist jedoch in einer Ausnahmesituation wie auf MERLIN alles andere als einfach.

Auf der Suche nach dieser Antwort „Was ist eigentlich gutes Handeln?“ wird Chayton erst Einsiedler, dann erkennt er, dass er mit anderen Menschen interagieren muss. Er wird enttäuscht und betrogen, hält dennoch an seiner Grundsatzentscheidung fest. Bis zu dem Moment, da es hart auf hart kommt, in Heft 10. Das ist sein Entscheidungsmoment: Rettet er selbstsüchtig sein eigenes Leben, oder versucht er gegen jede Wahrscheinlichkeit noch etwas auf MERLIN zu bewegen? Und vor dieser moralischen Herausforderung versagt er. Er handelt hier selbstsüchtig. Ein anderer Weg ist für den drogengeschädigten, empathielosen Charakter nicht möglich.

Äußere Umstände verhindern allerdings seine Flucht. Ab diesem Moment weiß Chayton, dass er todgeweiht ist. Jetzt kann ihm wirklich alles egal sein, für ihn wird es keinen Unterschied mehr machen. Aber genau deshalb kann er eben auch gut handeln, wie es seit Heft 4 sein Ziel ist. Er selbst stirbt ohnehin, aber warum nicht die letzten Stunden nutzen, um andere zu retten? Das wird dann eben doch noch mal heroisch, aber halt erst, als Eigennutz überhaupt keine realistische Option mehr ist.

Insofern begleiten wir Chayton elf Hefte lang durch eine Menge schwierige Konflikte zwischen Eigennutz und Altruismus, Rache und Vergebung, Emotion und Verstand, und er durchläuft dabei eine schwierige Entwicklung mit einigen Rückschlägen, bis er am Ende wirklich in der Lage ist, zu MERLINS Rettung beizutragen. Der Chayton aus Heft 4 hätte nicht tun können, wozu der Chayton am Ende von Heft 10 fähig ist.

 

Uwe Bätz: Vielen Dank für die detaillierten Antworten. Du schreibst für NEO, machst die Comics und zur Miniserie Arkon hast Du auch einen Roman beigesteuert. Was sind Deine nächsten Projekte und wann sehen wir Dich mit einem Roman in der Erstauflage?

Kai Hirdt: Zur Erstauflage ist meine Antwort dieselbe wie immer: Wenn man mich fragt, werde ich bestimmt nicht ablehnen. Für den Vereiste-Galaxis-Zyklus jedenfalls bin ich nicht eingeplant.

Aber ich langweile mich ja auch so nicht. Im Augenblick habe ich Comicband 4 fertig gelettert, mit dem Zeichner das Skript zu Band 5 durchgesprochen und das Skript für Band 6 vor der Brust. Außerdem schreibe ich weiterhin zwei NEOs pro Staffel.

Ob ich bei der nächsten Miniserie dabei bin, weiß ich noch gar nicht. Zumindest eine kurze Pause, bei der ich nicht auf allen Hochzeiten tanze, wäre ganz erholsam. Bei Jupiter musste ich ja ein halbes Jahr lang alle zwei Wochen ein Manuskript abgeben; und selbst die Hefte, in denen ich nur sehr wenig angepasst oder dazu geschrieben habe, haben jeweils mehrere Tage Arbeit verursacht, weil ich sie mehrfach gründlich lesen und analysieren musste, welche Auswirkungen sie auf die jeweils anderen Handlungsstränge haben und welche Informationen der Leser dort erhält. Oder eben auch, welche Informationen immer noch fehlen und deshalb an anderer Stelle eingebaut werden müssen. Damit stand ich sechs Monate unter Dauerstrom. Das Hirn jetzt eine Weile zu entkrampfen, wäre nicht verkehrt.

Ganz abgesehen davon habe ich ein paar Dinge auf meiner Liste, die ich gerne schreiben würde, die nichts mit PERRY RHODAN zu tun haben. Dafür war im letzten Jahr keine Zeit; es wäre aber schön, wenn ich ein oder zwei davon im Jahr 2017 angehen könnte. Davon ist allerdings noch nichts soweit spruchreif, dass ich das jetzt schon verkünden könnte.

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