Ansichten zu Perry Rhodan Heft 3369

Der Status quo – Ben Calvin Hary

Akasha Pal, NATHAN-Sprecherin und amtierende Liga-Residentin ist zusammen mit ihrem Verteidigungsminister Maciej Temmister auf diplomatischer Mission im Tetkra-Sektor unterwegs. Ihr Ziel ist das erst kürzlich gegründete Staatsgebiet der Hegemonie. Trek-Trekr hat um Aufnahme ins Galaktikum gebeten. Das stößt Chir-Wrem und der Neuen Varietät auf Topsid übel auf. Seine Flotten belagern den Raumschiffsfriedhof, der unlängst aus der Hyperraumtasche freigesetzt wurde. Den beiden Politikern setzt daher nicht nur die immer noch vorhandene Hyperstrahlung beim Flug zu. Sondern auch übereifrige Topsiderkommandanten, die auf ihr kleines Schiff das Feuer eröffnen. Aus Angst vor dem guten Geist Terras mussten die beiden Liga-Politiker mit einer abgerüsteten Space-Jet reisen. Das rächt sich jetzt. Ihre Jet wird getroffen. Perry Rhodan, der ebenfalls eingeladen war, kommt mit seinem Rettungsversuch zu spät. Akasha Pal stirbt.

Zur gleichen Zeit werden im Kuiper-Gürtel Prospektoren auf dem Asteroiden MG9328 zur Evakuierung aufgefordert. NATHAN hat entdeckt, dass der Gesteinsbrocken instabil geworden ist und bald auseinanderbrechen wird. Wasif El Edrissi, der für die Firma Schimmer Astral Minings, kurz SAM, arbeitet, bringt einen großen Desintegrator in Sicherheit. Auf dem Rückzug wird er von NATHAN gestoppt, der einen neu entstandenen Hohlraum im Gestein entdeckt. Darin entdeckt Wasif Reproiden und vernichtet sie. Wie sich herausstellt, sind dies die letzten Reproiden im Solsystem. Wasif El Edrissi soll als Held auf Terra gefeiert werden. Mehr noch, der Fall Ragnarök kann für beendet erklärt werden. NATHANS Macht kann eingedämmt werden.

Auf Terra rückt die stellevertretende Residentin Olga Moynhatta ins höchste Amt nach. Sie wird damit auch eine von drei NATHAN-Sprechern. Olga Moynhatta steht auf der Seite der NATHAN-Utopisten. Die Bewegung hat Zulauf bekommen. Der Status quo, nämlich NATHAN mit weitreichender Gewalt, soll nach Meinung der NATHAN-Utopisten, beibehalten werden.

Mit Zweidrittel-Mehrheit können die beiden anderen NATHAN-Sprecher, Perry Rhodan und Maciej Temmister, den Fall Ragnarök jedoch für beendet erklären. Der Unsterbliche wähnt Temmister aus seiner Seite. Doch der Verteidigungsminister ist seelisch angeschlagen. Durch den Tod seiner Frau ist er alleinerziehender Vater einer Tochter. Ein Eingreifen NATHANS hat in der elterlichen Wohnung einen schweren Unfall seiner Tochter verhindert. Ein weiteres Ereignis dieser Art, bei der NATHAN nicht eingriff, weil seine Tochter Manipulationen vorgenommen hat, beschäftigt Temmister sehr. Dazu der Tod Akashas, der mit NATHANS Hilfe ebenfalls hätte vermieden werden können.

Auf MG9328 kommt es zu einem Pressetermin mit El Edrissi und Abgesandten der Firma. Unangemeldet sind auch NATHAN-Utopisten zum Termin vor Ort. Es kommt zu ernsten Zwischenfällen und Unruhen. Der Asteroid, der mit Maschinenhilfe stabilisiert wurde, bricht auseinander. Eine größere Katastrophe wird von Perry Rhodan und NATHAN verhindert.

Schließlich kommt es auf Luna zur Abstimmung über die Beendigung des Falls Ragnarök. Olga Moynhatta stimmt dagegen, Perry Rhodan dafür. Maciej Temmister enthält sich der Stimme. Damit hat NATHAN weiterhin die Machtbefugnisse.

Rezension

Ben Calvin Hary hat zum Zyklusauftakt den Fall Ragnarök eingeführt. Schon in Heft 3350 und im folgenden Band stellte sich mir die Frage, wie tief die Raketenheftchenserie in das Thema KI-Ethik eintauchen wird. Die Auswirkungen der Entscheidung, NATHAN mehr Rechte in Krisenzeiten einzuräumen, wurden seitdem nur gelegentlich gestreift. Im aktuellen Roman kehrt der Autor zu dieser Thematik zurück und lässt erneut über den Fall Ragnarök entscheiden.

Der Autor verbindet das Thema mit der persönlichen Entwicklung der Figur des Verteidigungsministers. Damit folgt er seiner Linie, Figuren tiefer zu zeichnen. Oberflächlich betrachtet zumindest. Denn um das Patt zum Romanende zu erreichen, musste der Autor etwas hurtig seiner Figur Maciej Temmister die berühmte Last auf die schmalen Schultern schreiben. Einer Figur, die bislang zwar namentlich in Erscheinung trat, die aber plötzlich zum Piloten im Tetkra-Sektor avancierte, zum Actionhelden, zum Partner der schwerverletzten Liga-Residentin, zum trauernden Witwer, zum alleinerziehenden Vater und schließlich zum Abstimmenden über das Wohl oder Leid der Menschheit der Solaren Union. Nachvollziehbar schon, aber etwas zu viel in der kurzen Zeit und zu sehr auf das zu erreichende Ziel abgestimmt. Wie das so ist mit Figuren, die plötzlich und unerwartet in den Mittelpunkt gerückt werden, obwohl sie vorher nur Randerscheinungen waren. Und eben Politiker. Wenn Perry sich allein ins Getümmel stürzt, akzeptiere ich das. Zwei hochrangige Politiker in eine kleine Space-Jet stecken, ist jedoch nicht plausibel. Der Autor liefert Erklärungen auch dafür. Sorry, es macht trotzdem keinen Sinn. Es gibt zwei Dutzend Szenarien, die in Frage gekommen und einleuchtender gewesen wären.

Die Chronologie der Ereignisse verwirrt mich. War es nicht so, dass die PEGASOS-Leute, die hier an der Trauerfeier der Liga-Residentin teilnehmen, zur gleichen Zeit ganz woanders im Einsatz waren und Sichu Dorksteiger dort um Expertise anfragten? Die Ator hielt sich da nämlich mit Perry Rhodan bei Tramp auf. Spielen die in diesem Roman genannten Ereignisse dann nach den Tramp-Ereignissen, die erst im nächsten Roman behandelt werden? Das ist nicht auszuschließen, wäre aber seltsam, denn dann schildert man Figuren, deren Wissensstand längst ein anderer ist und in dieser Geschichte nichts verraten dürfen. Aber vielleicht irre ich mich auch. Der Roman machte es mir als Leser auch nicht einfach.

Woher beziehen alle das Wissen darum, dass die letzten Reproiden im Solsystem vernichtet wurden? Der Kuipergürtel enthält schätzungsweise 70.000 Objekte mit einem Durchmesser von über 100 Kilometern und eine astronomisch hohe Zahl kleinerer Objekte, wie der in diesem Roman zum Handlungsort gewordene Asteroid. Durch Zufall entdeckt dort NATHAN einen Hohlraum mit Fressmetall. Aha! Was ist mit den anderen Objekten? Wie kann man ausschließen, dass dort keine Reproiden verborgen sind? Die sind zwar desaktiviert, aber ein neuer psionischer Impuls könnte sie wieder erwecken. Oder spielen hier schon die Geschehnisse von Tramp, wo man eine Iltmumie suchen wollte, eine Rolle?

NATHANS Befehlsgewalt wird am Romanende verlängert. Das Thema KI-Ethik, das ich zum Zyklusauftakt ansprach, umschifft der Autor auch hier elegant. Er stellt stattdessen menschliche Schwächen in den Vordergrund und geht auf die Befehlsgewalt nur wenig ein, deren Umfang sowieso nicht geschildert wurde und wird. Nur in der Szene, als NATHAN Wasif El Edrissi bei der Evakuierung stoppt, spielt das Thema eine kleine Rolle. Denn NATHANS Entscheidung gefährdet das Leben des Arbeiters. Der Asteroid war instabil und drohte zu zerbrechen. Und doch schickt ihn NTAHAN auf eine Mission. Das alles ist höchst undurchsichtig. Was genau darf NATHAN und was nicht? Welche Aufgaben hat die Regierung in der Zeit des Falls Ragnarök? Warum sind gerade mal drei Menschen im Solsystem berechtigt, NATHAN zu ermächtigen oder dies zurückzunehmen?

Eine merkwürdige Anekdote noch zum Schluss. Auf jenem Asteroiden im Kuipergürtel plant man eine Pressekonferenz. Wie schräg ist das denn? Man sitzt auf einer Bombe, die man für die Dauer einer Besprechung stabilisiert und lädt mal eben hunderte Leute dazu ein. Ist das vielleicht ein Hinweis darauf, dass die Menschheit der Zukunft degeneriert? Rückt Ben Calvin Hary deshalb die KI in den Vordergrund? NATHAN als zweiter Robotregent? Wiederholt sich die Geschichte der ersten Bände? Übernehmen nun die Arkoniden die Befreiung Terras vom Robotregenten NATHAN?

Die Geschichte überzeugte mich nicht.


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