Ansichten zu Captain Fantastic

Zuletzt im Heimkino habe ich Captain Fantastic gesehen, der im deutschen Verleih den bescheuerten Zusatztitel „Einmal Wildnis und zurück“ bekommen hat. Familienvater Ben, gespielt von Viggo Mortensen, lebt mit seinen sechs Kindern fern der Zivilisation in den Wäldern an der Nordwestküste der USA. Der Aussteiger erzieht seine Kinder nach seinen eigenen Vorstellungen. Selbst die jüngsten müssen sich einer unerbittlichen geistigen und körperlichen Ausbildung stellen. Das Familienleben wird durch die Krankheit der Mutter belastet, die, Heilung suchend, die Wildnis vor einiger Zeit verlassen musste. Als Bens Frau Leslie, die an einer bipolaren Störung leidet, Selbstmord begeht, verlässt die ganze Familie mit einem alten Schulbus die Wildnis und macht sich auf den langen Weg nach New Mexico, um dort den letzten Willen der Mutter zu erfüllen, die verfügt hat, dass sie verbrannt und ihre Asche eine öffentliche Toilette heruntergespült wird.

Die Reise ist vor allem für die Kinder eine Herausforderung, da insbesondere die jüngeren zum ersten Mal mit den Auswüchsen der sogenannten modernen Gesellschaft konfrontiert werden. Unterschiedliche Lebens- und Denkweisen prallen aufeinander. Unterwegs erfährt Ben, dass sich sein ältester Sohn Bodevan hinter seinem Rücken und mit Unterstützung seiner Frau, erfolgreich an verschiedenen Eliteuniversitäten beworben hatte. Ben muss auch erfahren, dass sein eigenes Verhalten zumindest teilweise zu Leslies Depressionen geführt hat.

In New Mexico angekommen verurteilt Leslies Vater den Lebensstil der Aussteiger. Er droht Ben mit Anwälten und der nimmt Abschied von seinen Kindern. Doch die finden sich unterwegs wieder bei ihm ein und gemeinsam erfüllen sie den letzten Willen der Mutter. Ben lässt seinen ältesten Sohn gehen und lebt den übrigen Kindern, die nun eine reguläre Schule besuchen, auf einen Bauernhof.

Was habe ich nicht alles gelesen, was in diesen Film hineininterpretiert wurde. Der Film sei ideologisch verbrämt, sei politisch, sei formelhaft und multipliziere lediglich die Klischees des amerikanischen Independent-Kinos.

Für mich ist der Film eine Tragikomödie mit einer wunderbar aufspielenden Darstellercrew, allen voran Viggo Mortensen. Der besondere Eigensinn der Familie wird mancher Prüfung unterzogen und am Ende müssen beide Seiten Federn lassen. Die konservative Weltanschauung, wie sie von Leslies Vater oder Bens Schwester vertreten wird aber auch Ben selber muss erkennen, dass er seine Kinder nicht auf „das“ Leben vorbereitet hat sondern nur auf ein Leben, wie er es sich vorstellte. Höhepunkt des Films ist für mich die Szene, als Ben, der alleine am Abend vor dem Schulbus sitzt, von seinem ältesten Sohn erfährt, dass dieser sich vom Vater unbemerkt erfolgreich an Eliteuniversitäten beworben hat. Die Emotionen, die da freigesetzt werden, sind großes Kino. Ein absolut sehenswerter Film!

 

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