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Ansichten zu Perry Rhodan Heft 3000

Mythos Erde – von Wim Vandemaan/Christian Montillon
Am 08. September 1961 erschien Heft 1 der Perry Rhodan-Serie. Und die beiden Exposé-Autoren Wim Vandemaan und Christian Montillon lassen ihre Geschichte des Jubiläumsbands 3000 ebenfalls an einem 08. September spielen. Nur schreibt man im Roman das Jahr 5632, bzw. 2045 NGZ.
Perry Rhodan erwacht aus der Suspension. Als Einziger. Winzige Details verraten ihm, dass er schon mal wach gewesen sein muss. ANANSI reagiert nicht und der Unsterbliche sieht sich um. Er entdeckt einen Koffer, der nicht in den Raum gehört. Und eine fremde Frau, die kein Mensch ist. Sie stellt sich als Zemina Paath vor und den Koffer als ihren Paau. Sie hat die RAS TSCHUBAI entdeckt und ist eingedrungen. Sie hat auch Rhodan aus der Suspension geholt. Beim ersten Mal, um ihn zu untersuchen, auch den Zellaktivator. Zemina Paath leidet unter Gedächtnisverlust. Ihr seien Teile ihres Gehirns gestohlen worden. Ihr Sternenschiff, das in einer Andockmulde festgemacht hat, bezeichnet sie als das Nashadaan. Der sechseckige, etwa 300 Meter lange Zylinder ist von erstaunlicher Technologie. Sie hat Hyperfunksprüche aufgefangen. Die Milchstraße ist in die Cairanische Epoche eingetreten. Die Ladhonen sind besiegt. Die Cairaner beherrschen die Milchstraße, sie sind die friedenswirkende Kraft. Die Liga Freier Galaktiker existiert noch. Resident Reginald Bull lebt in der Zentralgalaktischen Festung. Als Rhodan anmerkt, mit dem Schiff ins Solsystem und nach Terra aufbrechen zu wollen, behauptet die Frau, dass Terra nichts als eine Legende sei. Ein Mythos. Rhodan begreift das nicht. So was kann in ein paar Jahrhunderten nicht passieren. Es gibt unzählige Beweise für ihre Existenz. Paath rät davon ab, die RAS TSCHUBAI zu reaktivieren. Eine Firnis, die vom Nashadaan um das Riesenschiff gelegt wurde, schützt sie vor der Entdeckung durch die Mentalsonden der Cairaner.
Perry Rhodan ignoriert die Warnung und weckt die Semitronik. ANANSI zeigt sich als gereifte Frau und stellt fest: Es ist der 08. September 2045 NGZ. DIE RAS TSCHUBAI weist einige Schäden auf. Die Paratrontechnologie steht nicht zur Verfügung. Die Besatzung wird aus der Suspension geholt. 493 Jahre ist für manche ein Schock. Rhodans Plan ist einfach: „Wir fliegen in die Milchstraße, schauen, ob Bully in seiner Festung belagert wird, und hauen ihn raus.“ Schon kurz nach der Aktivierung der Schiffssysteme wird die RAS TSCHUBAI von Sonden der Cairaner geortet und drei ihrer elliptischen Schiffe materialisieren. Augenschiffe, wie sie Kommandant Holonder benennt, weil sie von einer zentralen roten Energiekugel dominiert werden. Ein Cairaner von der MAIDAC ODAIR gibt an, im Auftrag des Halo-Konsuls Aionguma Baldaraise zu handeln und dieses Territorium zu schützen. Er gibt auch an, auf die RAS TSCHUBAI lange gewartet zu haben und will sicherstellen, dass das Schiff keine Bedrohung ist. Einen Inspektionstrupp lehnt Rhodan ab. Es kommt zu einem Feuergefecht mit leichten Waffen. Als die Cairaner schwere Waffen einsetzen, versetzt sich die RAS TSCHUBAI in die Libratronvakuole und entkommt. Es werden Daten gesammelt. Das Solsystem ist nach wie vor ein stark frequentierter Ort. Aber dort hat es ein Ereignis gegeben, das als der Raptus bezeichnet wird. Was genau geraubt wurde, ist wegen der Legendenbildung unklar. Es könnte die Wegnahme von Terra und Luna sein. Es gibt darum herum hunderte von Legenden. Es hat wohl eine galaxisweite Informationskatastrophe gegeben. Den Posizid. Danach kam es zu einer Datensintflut, die alle erreichbaren Rechner mit korrumpierten Daten bespielte. Atlan merkt an, dass dies vielleicht auch die Terraner selbst bewerkstelligt haben könnten. Da die Cairaner insbesondere die zusammenwirkenden ÜBSEF-Konstanten von Rhodan und Atlan messen können, trennt man sich. Atlan fliegt die reparaturbedürfte RAS TSCHUBAI nach Culsu, einer Posbi-Welt. Und Perry Rhodan bricht mit der BJO BREISKOLL ins Ephelegonsystem auf. Zusammen mit Zemina Paath und ihrem Nashadaan.
An einem anderen Ort in der Milchstraße, im Afallachsystem, steckt die Terranerin Giuna Linh in Schwierigkeiten. Die Beraterin auf einer Transmitterstation der Akonen ist in die Datennetze der Cairaner eingedrungen. Ihr Mann Lanko Wor wurde von den Cairanern wegen eines nichtigen Vorfalls zur Bestrafung in die Ausweglose Straße geschickt. Und Giuna will ihn befreien. Sie setzt auf den Barniter Kondayk-A1. Der bekannte Händler reist wegen eines Zwischenfalls auf den Etappenhof mit seinem Schiff TREU & GLAUBEN an. Ein Kugelraumer der DANTON-Klasse mit 1200 Meter Durchmesser. Eine Explosion im Etappenhof wird dem Barniter-Konsortium vorgeworfen. Giuna will dem Barniter zwei ausgebrannte Zellaktivatoren anbieten. Kondayk-A1 und sein terranischer Begleiter Cyprian Okri entpuppen sich als Agenten des Nachrichtendienstes Ephelegon. Das NDE ist Nachfolger des TLD. Die beiden interessieren sich für eine Technologie der Cairaner. Die Vital-Suppressoren. Damit kann anderen Wesen die Lebensenergie abgesaugt werden. Sie verlieren jede Kraft und geben sich auf. Den beiden Agenten gelingt es, zusammen mit Giuna in die ringförmige Station der Cairaner einzudringen, als Ausweglose Straße tituliert, weil sie den Gefangenen keinen Horizont bietet. Sie können Lanko befreien und entkommen.
In Neu Terrania, der Hauptstadt des Planeten Rudyn im Ephelegonsystem, wo die Solare Residenz über dem Thetys-See schwebt, wird Reginald Bull von seinem Leibwächter und Sekretär Ganud auf die Ankunft der VOHRATA hingewiesen. Der Posbi, der vorher im Dienste des tefrodischen Machthabers stand, ist Bull ein enger Vertrauter geworden. Reg, wie Bull von Vetris-Molaud angesprochen wird, erteilt seinem Freund Caer die Einflugerlaubnis durch den Kristallschirm. Ganud erkennt einmal mehr, dass Reginald Bull die Hoffnung nicht aufgegeben hat. Eines Tages kehren sie wieder. Shinae und Toio, die sich in die Stadt Allerorten zurückgezogen haben. Und Perry Rhodan.
 
Der Roman und der Zyklus beginnen mit einem starken emotionalen Motiv. Die Erde soll nur ein Mythos sein. Das erinnert ein wenig an den Text der Umschlaginnenseite von Heft 1:
„Er führt in eine Zeit, in der die Nachkommen der Menschen von der Erde nur noch wie von einem Mythos reden und ein vereinsamter Planet um eine längst erloschene Sonne kreist, die einst Mittelpunkt des Universums war.“
Nun, ganz so ist es nicht gekommen. Sol scheint noch zu brennen, nur Terra scheint nicht mehr dort zu sein, wo der Planet hingehört. Ich kann mich an keinen Jubiläumsband erinnern, der die Verhältnisse derart durcheinanderwirbelt und der mit so viel Neuem aufwartet. Klar ist, die Muster sind dieselben, manches erscheint sogar vertraut. Eine lange Zeit ist vergangen, es herrschen andere Verhältnisse, neue Machtverhältnisse, neue Völker, neue Namen aber auch alte Völker und Namen. Und doch beginnt der neue Zyklus mit etwas, das eigentlich nicht sein kann. Unmöglich, dass Terra nur ein Mythos sein soll. Nicht nach einer Zeitspanne von 493 Jahren. In unserer Welt ist sowas denkbar, wenn wir 500 Jahre zurückblicken. Aber im komplexen Universum der Serie mit langlebigen Völkern und vor allem unendlicher Datenaufzeichnung? Es beruhigt, dass die Autoren ihrem Protagonisten dieses Erstaunen und vor allem die Ungläubigkeit ebenfalls in den Mund gelegt haben. Diese Geschichte, wie eine solche Legendenbildung entstehen konnte, wird noch erzählt werden und ich bin gespannt darauf. Ich denke auch, dass sich der Zyklus mit dem Motiv des Mythos Erde auch gar nicht zu lange beschäftigen wird. Eher mit dem Warum. Und wie es möglich ist, die Neugierde zu unterdrücken. Denn wenn es die beschriebenen Ereignisse in der Form gegeben hat, dann stellt sich die Frage, warum den Legenden nicht auf den Grund gegangen wird. Gibt es auch eine Unterdrückung der wissenschaftlichen Forschung?
Überraschend früh gibt der Roman ein paar Hinweise auf das Schicksal der zurückgebliebenen Aktivatorträger. Vetris-Molaud wird erwähnt und natürlich Reginald Bull. Der den Tamaron mit Caer anspricht, dessen ursprünglichen Namen. Und der sich Gedanken zu Tochter und Frau macht, die also noch leben. Und auf Perry Rhodan hofft.
Das Zusammenspiel der Autoren ist von Pragmatismus geprägt. Soll heißen, der Roman kommt recht nüchtern daher. Schreiben die beiden Autoren alleine ihre Romane, lassen sich auch schnell die Unterschiede zwischen beiden erkennen. Wim Vandemaan spielt mit der Sprache. Zeigt mehr Raffinesse in Beschreibungen, spielt mit Mehrdeutigkeiten und bringt Subtilität in seine Geschichten. Seine Figuren streifen durch ferne Sphären. Christian Montillons Geschichten sind mehr im Hier und Jetzt verankert und zeigen nachvollziehbare Emotionen. Beide zusammen haben mit Band 3000 einen ziemlich sachlich wirkenden Roman abgeliefert. Wim Vandemaan hat die Kapitel mit Perry geschrieben. Christian Montillon diejenigen mit Giuna. Diese Parts um die Terranerin, die sich auf die Suche nach ihrem Mann macht, wirken lebendiger als die Kapitel an Bord der RAS TSCHUBAI. Dafür punktet Vandemaan mit ein paar schönen Bildern. Oma Eli und dem Dornröschen, das aus ihrem Jahrhundertschlaf erwacht. Die kurzen Gespräche mit Atlan und der Plan, Bully herauszuhauen.
Kaum mehr lässt sich nach dem ersten Kapitel des wieder 100 Hefte langen Zyklus kaum anmerken. Der Jubiläumsband ist sicherlich nicht revolutionär geraten. Allerdings habe ich das auch nicht erwartet. Zu starke Änderungen könnten einen Teil der Leserschaft verschrecken. Mir gefällt der dystopische Ansatz, der zu Beginn des neuen Zyklus durchscheint. Ob es tatsächlich eine Dystopie ist, werden die nächsten Romane zeigen. Die Serie ist seit langem ambivalent gestaltet. Nichts ist so, wie es scheint. Der 3000er punktet auf jeden Fall damit, Neugierde zu schüren, wie das aufgelöst werden wird.