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Ansichten zu Dorgon 101

Schwarze Seele – von Roman Schleifer:
Mit Dorgon 101 von Roman Schleifer habe ich das erste Mal einen Roman der Fanserie des PROC gelesen. Für diese Geschichte ist kein Vorwissen nötig, denn der Roman spielt losgelöst von der Serie. Der Autor schildert die bislang unbekannte Vorgeschichte einer bekannten Figur. Es ist der Werdegang des Alysker Rakiyat. Am Ende steht Rodrom.
Die Geschichte fängt harmlos an. Ein etwas merkwürdiger kleiner Junge, der aus Sicht der Eltern zu wenige Emotionen zeigt. Obwohl sie sich doch sehr um ihn bemühen. Dann ein plötzlicher Gewaltausbruch, dem der Autor unmittelbar die nächste Eskalation folgen lässt, als der 10-jährige die Nachbarstochter als nächstes Opfer ins Visier nimmt. In der Folge entwickelt sich ein Thriller, der mit einigen Schockelementen aufwartet.
Die Story wird von einem wiederkehrenden Element beherrscht. Hilflosigkeit und Ohnmacht gegenüber verwerflichen Tätern. Das Tier, an dem der junge Rakiyat seine widerwärtigen Neigungen auslässt und das dem Mörder hilflos in die Falle geht. Seine Eltern, die von ihm drangsaliert werden und hilflos dem Sohn ausgeliefert sind. Die Frauen, die von den nunmehr zwei Psychopathen gefoltert und ermordet werden. Die Polizistinnen, die entnervt ihrem Job nachgehen und keine verwertbaren Spuren haben. Die Polizistin, die den Tod der Schwester nicht verhindern kann. Schließlich macht der Autor sogar Rakiyat zum hilflosen Opfer. Und das sogar mehrmals. Zuerst, als er dem Partner dieser abscheulichen Beziehung nichts entgegensetzen kann und durch die Bombe zur Geisel wird. Und dann, als er angeblich echte Gefühle für die ermittelnde Polizistin empfindet und sich gefangen sieht, zwischen seinen abstoßenden Emotionen, die ihn sonst leiten und diesen neuen Gefühlen. Und schließlich werden auch die ermittelnde Polizistin Vita Etan und der zweite Psychopath zu Opfern. Abgesehen davon, dass der Planet in den Untergang gerissen wird. Der Leser ist das erste und letzte Opfer. Er muss ohnmächtig und hilflos alles über sich ergehen lassen.
Kann ein Psychopath, der solch unglaubliche Taten begangen hat und dessen ganzes Denken von Gewaltphantasien beherrscht wird, tatsächlich so etwas wie normale Liebe empfinden? Oder ist sein Geist nicht bereits irreparabel beschädigt?
An verschiedenen Stellen des Romans versucht der Autor eine Steigerung einzubauen, die aus meiner Sicht gar nicht möglich ist. Sein Täter Rakiyat ist perfekt. Nun könnte man die Figur „perfekter“ oder gar „am perfektesten“ zeichnen, aber es macht m.E. wenig Sinn. Denn perfekt ist bereits die Endstufe. Und doch schien es so, als ob das noch gesteigert werden soll. Aber hier geht es nicht um das Steigern von Adjektiven. Es geht darum, wie eine Figur dargestellt wird. Der Mörder macht sich an Vita Etan heran. Der Mann ist attraktiv. Die Augen: Perfekt. Der Körper: Perfekt. Die Manieren: Perfekt. Das Auto: Perfekt. Die Uhr: Perfekt. Der Hubschrauber: Perfekt. Die Technik: Perfekt. Die Fallschirme: Perfekt. Und so weiter und so weiter.
Dem Komparativ und dem Superlativ lässt der Autor weitere Steigerungsformen folgen und die Figuren tun so, als wäre das okay. Die Figur der Polizistin schluckt das alles. Der Autor gönnt ihr ein paar Gedanken, die ein bisschen von dem was sie beobachtet oder fühlt in Frage stellt. Aber nur kurz. Zu schnell schwenkt die Figur wieder zurück. Die Analytik, die sie aufblitzen lässt, sollte sie warnen. Nun könnte man mutmaßen, dass ihre Gefühle deshalb Achterbahn fahren, weil sie Schmetterlinge im Bauch hat und ihr Verstand ausgeschaltet wird. Bei aller Vorgeschichte und allen Fakten passt das aber nicht zu Vita Etan. Es folgt ein ständiges Auf und Ab, ein Hin und Her. Sie ist berauscht von ihren Emotionen und setzt doch immer wieder eine gewisses Kalkül ein, nur um es beim nächsten Gedanken wieder über den Haufen zu werfen. Gerade in den Momenten, als sie sicher ist, den Mörder ihrer Schwester in Rakiyat zu sehen. Was dieser tatsächlich nicht ist, aber das weiß sie nicht. Sie geht aber davon aus. Und doch sind die Momente der Vernunft und der Schwäche dieser Figur zu dicht gewoben. Sie wechseln sich teils in jedem Satz ab. Das war mir zu unglaubhaft.
Dabei greift der Autor zu einem Element, das seine Figur überzeugender darstellen soll. Er lässt Vita Etan über ihre Gefühle reflektieren. Das tut sie nicht nur ein Mal. Sie tut es ein zweites Mal, ein drittes Mal. Und was passiert? Es passiert nichts. Einerseits erkennt Etan mit seltsamer Klarheit die Widersprüche. Andererseits lässt sie keine Konsequenzen folgen. Die Offenheit, mit der die Figur ihre Widersprüche erkennt, wirkt angesichts der ausbleibenden Reaktion darauf seltsam. Der Figur und der Handlung werden keine Auswege eröffnet. Und damit bin ich wieder am Anfang meiner Ansichten. Der Ohnmacht der Figuren, die sich auf den Leser überträgt.
Mein Fazit: Ein Thriller, der nichts für Zartbesaitete ist. Die Geschichte ist hart und mit Zug geschrieben. Sie wird sicher ihre Fans finden. Meinen Geschmack trifft sie nicht ganz, da ich nicht alle Entwicklungen der Figuren nachvollziehen kann.